Gut Ding will Weile haben…

Halifax, 10. Juni 2026   Drei Jahre lang war ANDAR ein Plan, eine Baustelle, ein Traum. Jetzt steht er in Halifax — und wir stehen kurz davor, unser neues Zuhause auf Rädern endlich in Empfang zu nehmen. (Manfred, 10.6.2026)

Nach mehr als drei Jahren voller Ideen, Planungen und schließlich dem Bau unseres Traum-Lkw ist es nun so weit: Unsere große Reise kann tatsächlich losgehen.

Gestern wurde unser Lkw hier in Halifax, Kanada, vom Schiff gefahren, mit dem er aus Hamburg hierher verschifft wurde. Wir können es kaum fassen. Noch müssen wir zwei Tage aushalten, bis wir ANDAR — so haben wir unseren Lkw getauft — endgültig in Empfang nehmen können. Ein guter Zeitpunkt also, die Gedanken einmal zu ordnen.

## 1. Wie alles begann

Es muss um Weihnachten 2022 herum gewesen sein, als wir im Fernsehen eine Reportage über die Familie von Bargen aus Kiel gesehen haben. Eine Reisereportage über eine Familie mit vier Kindern, die mit ihrem selbst ausgebauten Lkw „Roger“ auf große Reise geht. Von Kanada bis nach Feuerland — so war der Plan. Corona sollte ihnen dazwischenfunken, und sie strandeten in Ecuador. Aber das ist eine andere Geschichte, die Michaela von Bargen in ihrem Buch „Weltwundern“ sehr, sehr schön beschreibt.

Schnell fand ich heraus, dass die Familie das Erlebte auch in einem Blog niedergeschrieben hatte. Ich verschlang diesen wunderbaren Blog förmlich und saugte die Ideen in mich auf. Das Fieber war geweckt.

Jetzt musste ich nur noch irgendwie Kirsten davon überzeugen, dass genau das auch das Richtige für uns wäre: unsere Möglichkeit, das bisherige Arbeitsleben hinter uns zu lassen und neue Horizonte zu entdecken.

Und das ging viel schneller als gedacht.

Kaum hatte Kirsten den Blog gelesen, war es auch um sie geschehen. Auch sie war Feuer und Flamme für die Idee, unser Leben — zumindest bis auf Weiteres — zukünftig auf Achse zu verbringen.

In vielen langen Gesprächen konnten wir herausarbeiten, was uns wichtig war, was nötig sein würde und was optimal wäre, um das bisherige Leben hinter uns zu lassen. Zunächst drehten sich die Gedanken natürlich um das Fahrzeug — klar, die angenehmen Gedanken zuerst — und um die Ausstattung, die wir für ein solches Vorhaben brauchen würden.

Aus unseren bisherigen Campingerfahrungen konnten wir zumindest schon einmal ableiten, was uns nicht gefallen hatte und was wir bei einer so langen Reise anders machen wollten.

Gleichzeitig mussten wir uns Gedanken machen, wie das Leben nach einer solchen Reise weitergehen könnte. Hier galt es, einen kühlen Kopf zu bewahren und lieber zweimal zu rechnen. Schnell wurde klar, dass wir unser Haus in Schierhorn verkaufen wollten. Für die Nachfolge in Kirstens Physiotherapiepraxis musste eine Lösung gefunden werden, und auch meine vertraglichen Verpflichtungen als Freelancer mussten auf das Vorhaben ausgerichtet werden.

Ein detaillierter Kassensturz ergab schließlich ein Budget für Fahrzeug und Reise. Der Rest musste gut angelegt werden und sollte später unsere Altersvorsorge nach der Rückkehr sein.

Wir besuchten unsere erste Abenteuer & Allrad in Bad Kissingen und recherchierten uns im Internet die Finger wund. Recherchen und Gespräche mit Reisenden ergaben am Ende ein schlüssiges Bild davon, wie eine solche Reise für uns machbar sein könnte.

Der nächste Schritt war ein umfangreiches Lastenheft. Damit wollten wir vorbereitet in die Gespräche mit möglichen Ausbauern gehen.

## 2. Planung und Bau

In den Gesprächen mit den unterschiedlichsten Ausbauern kristallisierte sich schnell heraus, dass nur wenige wirklich in der Lage sind, auf individuelle Kundenwünsche einzugehen und diese gemeinsam weiterzuentwickeln. Viele versuchen dann doch eher, das eigene Serienprodukt mit vielen Argumenten als beste Lösung darzustellen, statt die Herausforderung anzunehmen und neue Lösungen zu entwickeln. Einige sind dabei ganz offen und sagen das gleich zu Beginn. Fair enough. Andere tun zwar so, als würden sie individuell ausbauen, sind dann aber nicht wirklich dazu bereit — oder sie nennen es individuell, wenn man Stofffarbe und Holzdekor frei wählen kann. Sorry, aber das war nicht unser Anspruch.

Glücklicherweise fanden wir mit Thomas und Linda Ernstberger von der Offroad Leichtbau Manufaktur aus Berlin einen Partner, der genau das mitbrachte, was wir suchten: Erfahrung, Kompetenz, Offroad-Begeisterung, das Herz am richtigen Fleck — und einen echten Individualisten.

Zum Glück mit genug Erfahrung und Standing, um uns von der einen oder anderen Idee mit guten Argumenten abzubringen und daraus eine Lösung zu entwickeln, die unsere Wünsche aufnimmt und in ein sinnvoll umsetzbares Konzept überführt.

Und so ging es los: Layouts wurden entwickelt und wieder verworfen, Basisfahrzeuge wurden diskutiert, Details geprüft, Ideen sortiert — und wieder neu gedacht.

Schnell kristallisierte sich heraus, dass das Fahrzeug für unser Vorhaben und unsere Vorstellungen groß werden würde. Sehr groß sogar. Die 7,5-Tonnen-Gesamtgewichtshürde, die unsere Führerscheine setzten, würden wir locker reißen. Also musste ein Lkw-Führerschein her. Für uns beide. Klar.

Gleichzeitig erfuhren wir aus berufener Quelle, dass die Lieferzeiten für Basisfahrzeuge derzeit enorm lang waren und die Preise bald anziehen würden. Beides keine besonders guten Nachrichten zu diesem Zeitpunkt. Immerhin hatten wir die ersten Theoriestunden in der Fahrschule bereits hinter uns gebracht.

Ein sehr guter Freund brachte uns in Kontakt mit den richtigen Stellen bei MAN, und wir machten uns gemeinsam mit dem Verkäufer Frank Lorenz daran, ein Fahrzeug zu konfigurieren, das auf unsere Anforderungen zugeschnitten war. Gar nicht so einfach bei einem Lkw — und wirklich kein Vergleich mit der Konfiguration eines Pkw.

So fiel die Wahl schließlich auf einen MAN TGM 18.320 4×4 BB. Eine robuste Basis — und gut aussehen tut er auch noch. Finden wir zumindest.

Schnell noch die Konfiguration mit dem Aufbauer abgeglichen und in der Community um Rat gebeten. Dann war es so weit: Am 30. November 2023 unterschrieben wir die Bestellung des Lkw. Zum Glück geht das auch ohne Führerschein. Den bekamen wir dann im Mai 2024.

In der Zwischenzeit waren die Planungen des Aufbaus so weit fortgeschritten, dass wir im Februar 2024 den Vertrag mit der Offroad Leichtbau Manufaktur abschließen konnten. Zwar noch immer ohne den passenden Führerschein, aber immerhin mit bestelltem Basisfahrzeug.

Vereinbart wurde, dass das Fahrzeug Weihnachten 2025 fertig sein sollte, sofern das Basisfahrzeug bis Januar 2025 geliefert würde. Der Lkw kam dann sogar früher: im September 2024.

Dann begann der Bau des Zwischenrahmens zwischen Lkw und Bodenplatte des Aufbaus sowie der Rohkabine. Die vollständig aus Carbonfaser-Aramid-Platten laminierte Kabine wurde noch im Januar fertiggestellt.

Wow. Was für ein Meilenstein.

Parallel erfolgten weitere Detailabstimmungen, zum Beispiel zur Positionierung von Leuchten, Steckdosen und Schaltern im Aufbau. Bald darauf begann der Möbelbau. Auch hier wurde vollständig mit Kohlefaser gearbeitet. Denn jedes Kilo zählt.

Zwischendurch machte Thomas uns den Vorschlag, auch die Tanks aus Kohlefaser zu laminieren. Dabei kommt eine besondere Faser mit hohem Kevlar-Anteil zum Einsatz. Dadurch wird der Tank flexibel und nicht so spröde wie reine Kohlefaser. So lassen sich die Formen individuell an unser Fahrzeug anpassen — und stabiler und robuster als Tanks aus Aluminium oder Stahl sind sie auch noch. Klar, dass wir hier schwach wurden. Schließlich wurden auch die Tanks für Diesel und Frischwasser individuell angefertigt.

Dann begann eine etwas schwierigere Zeit für uns. Die Baufortschritte wurden kleiner, und alles zog sich etwas. Klar: Verlegte Kabel und Leitungen machen optisch weniger her als aufgestellte Möbel. Dennoch wurde klar, dass es mit der fristgerechten Fertigstellung unseres Fahrzeugs eng werden würde.

Weihnachten kam in großen Schritten näher. Im Herbst wurde klar, dass die Fertigstellung länger dauern würde und wir eher mit Februar oder März rechnen mussten. Nicht dramatisch, aber irgendwie doof. Hatte doch bisher alles andere besser geklappt als gedacht.

Unser Haus konnten wir bereits nach nur einer Besichtigung verkaufen. Kirsten konnte im Sommer mit Dunja eine mehr als optimale Nachfolgerin für ihre Praxis finden. Und auch mir fiel der Abschied zum Jahresende leichter, weil mein Auftraggeber Parkwind nach der Übernahme durch JERA in ein Joint Venture mit BP eingebracht wurde.

Wir waren also bereit und mehr als präpariert — nur der Lkw war noch nicht fertig.

Unsere Idee war ursprünglich, ab Februar eine dreimonatige Erprobungsfahrt durch Südeuropa zu starten. Erst Skifahren in den Dolomiten, um die Wintertauglichkeit zu prüfen. Dann weiter Richtung Süditalien und schließlich nach Griechenland, wo im April bereits Frühling sein sollte, um dort die Sommertauglichkeit zu testen.

Danach sollte es zurück nach Berlin gehen, um letzte Änderungen und eventuell notwendige Reparaturen durchführen zu lassen. Im Mai sollte ANDAR dann nach Halifax verschifft werden, damit wir noch im Spätsommer hoch nach Alaska kommen könnten.

So jedenfalls der Plan.

Doch Pläne, so sagt man, ersetzen oft nur den Zufall durch einen Fehler. Und so sollte es auch bei uns sein.

Egal. Neue Lage, neue Lösung.

Kirsten stolperte über ein verlockendes Angebot von 4Wheel24: eine geführte zweiwöchige Tour durch die Wüste in Tunesien. Und diese Tour sollte auch für Fahrzeuge anderer Ausbauer offen sein. Das war der ideale Ersatz für unsere ursprünglich über drei Monate geplante Erprobung. Ein Platz war auch noch frei für uns.

Dann wurde es bei der Auslieferung noch einmal eng, denn das Fahrzeug war noch nicht zu 100 Prozent fertiggestellt. So zog sich die eigentlich für den Nachmittag geplante Übergabe bis zwei Uhr morgens hin. Wir beschlossen trotzdem, auf Tour zu gehen. Die noch nicht final fertiggestellten Teile waren für Tunesien nicht entscheidend.

## 3. Mit 4Wheel24 nach Tunesien — unsere Testfahrt

Hierzu wird es einen eigenen Blogeintrag von Kirsten geben.

## 4. Fertigstellung, Beladung und Verschiffung nach Halifax

Nach der erfolgreichen Erprobungstour ging es zurück nach Berlin. Nicht ohne dass wir vorher noch die halbe Sahara aus unserem Lkw gesaugt und gefegt hätten. Wahnsinn, wo wir überall Sand fanden.

Keine Ahnung, ob solche Touren irgendwann verboten werden — aus Angst, dass in der Wüste bald kein Sand mehr übrig ist. Und ich bin sicher: Wir werden noch Monate später Sand an Stellen finden, an denen wir nicht mehr mit ihm gerechnet hätten.

In Berlin wurden nun die Restarbeiten durchgeführt, für die vor der Abreise nach Tunesien keine Zeit mehr geblieben war. Auch die eine oder andere Änderung, die sich nach der ersten Tour auf unseren Wunschzettel geschlichen hatte, wurde umgesetzt.

Optimistisch, wie wir sind, hatten wir bereits die Schiffspassage für Ende Mai gebucht. So blieben nach der erfolgreichen Übergabe in Berlin und dem anschließenden Werkstattaufenthalt des Lkw bei MAN in Hamburg tatsächlich noch drei Tage bis zur Abgabe im Hafen.

Hatte ich schon erwähnt, dass wir Herausforderungen mögen?

Egal. Wir hatten ja Zeit, alles vorzubereiten. Das Einladen selbst könnte dann ja schneller gehen. Also wurden alle Fächer und Schubladen — deren genaue Maße wir mittlerweile kannten — virtuell auf dem Esstisch bestückt. Die Dinge legten wir in Kästen, jeweils passend zu Fach oder Schublade. Der Plan ging auf. Alles fand seinen Platz. Alles? Ich glaube sogar weit mehr als das. Wahnsinn, was wir alles unterbekommen haben. Ob wir das auch alles brauchen und benutzen werden? Wir werden sehen.

Dann kam der große Tag: Wir mussten ANDAR im Hamburger Hafen abgeben.

ATLANTIC STAR heißt das Schiff, das unseren ANDAR an Bord nehmen und über Antwerpen und Liverpool nach Halifax transportieren sollte.

Die Abgabe war erstaunlich einfach und lief problemlos. Einmal kurz im Gebäude melden und losfahren, sobald der Summer brummt. Gate 2 — kein Problem. Eine kleine Karte gab Auskunft über den Parkplatz und den Weg dorthin. Dort angekommen, wurden wir freundlich auf einen Platz auf der großen Freifläche eingewiesen. Hier standen bereits einige andere Camper und Lkw.

Dann wurde der gesamte Lkw inspiziert. Nicht wirklich, um zu sehen, was drin ist, sondern vor allem zur Dokumentation für die Versicherung — für den Fall der Fälle. Also jede, wirklich jede Klappe einmal öffnen, Fotoapparat hineinhalten und weiter zur nächsten. Innen wie außen. Danach wurden alle außenliegenden Klappen mit einem Siegel versehen.

Einen kleinen Schockmoment gab es dann noch, als der Mitarbeiter um die Schlüssel bat. Er merkte an, dass die Zugänglichkeit — vor allem für den Zoll — jederzeit gewährleistet sein müsse. Hier standen wir vor einem Problem. Denn der Zugang zu den außenliegenden Klappen muss bei uns von innen freigegeben werden. Und nach innen kommt man nicht mit einem Schlüssel, sondern nur per Fingerabdruck. Das könnte schwierig werden.

Der Mitarbeiter beruhigte uns jedoch und sagte, der Zoll habe weder Kapazitäten noch großes Interesse daran, ausgehende Fracht und Lkw zu inspizieren. Für den Fall der Fälle hinterließ ich meine Telefonnummer. Dann konnten wir nur noch hoffen.

Es waren ein paar bange Tage, bis das Schiff auslief und wir sicher sein konnten, dass ANDAR mit an Bord war.

Jetzt noch schnell die Wohnung übergeben und unsere Sachen bei Dunja und Claas einlagern. Nach zwei Tagen war alles verstaut, und wir bezogen unser neues Zimmer.

Schön zu wissen, dass man immer eine feste Anlaufstelle hat. Danke dafür.

Wir haben entschieden, bereits ein paar Tage vor Ankunft des Schiffes in Halifax zu sein. Nun genießen wir die ersten Tage in Kanada — bei bestem Wetter und voller Vorfreude auf das, was kommt. Zeit, auch für ein wenig Demut, wenn man sich kurz Bewusst macht, in welch privilegierter Situation wir sind, solch einen Traum tatsächlich in die Realität umsetzen zu können. Wahnsinn!

 

Stay tuned…

 

 

 

6 Kommentare

  1. Spannend! Klar wurde es ein MAN 😉 wie MANfred! 😂 Aber wie kam es zu dem Namen „ANDAR“?
    Ich wünsche Euch auf Eurer Reise viel Glück! Und immer genug Wasser und Diesel in den Tanks!

  2. Zu schön von Euch zu lesen.
    Sind gespannt auf alle kommenden Abenteuer und freuen uns auf ein gesundes Wiedersehen in weiter Ferne irgendwo auf dieser großartigen Welt.

    Seid ganz lieb gedrückt von Anke & Lars

    P.s. sollte unser Bulli mal über sich hinaus wachsen , kommen wir auf Euren Rat zurück

  3. Hallo Ihr beiden, toll dass es endlich losgeht bei euch. Ich werde fließig mitlesen…
    Hulk und ich sind schon sehr gespannt auf eure Abenteuer.

  4. My daughter saw you in Elmira On. July 6th or 7th, 2026. Maybe we will cross paths as we head west to the Yukon July 21st!! Safe travels, and enjoy Canada.

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