Wie die Zeit vergeht …Unser erster Monat mit ANDAR in Kanada

Als wir ANDAR im Hafen von Halifax zum ersten Mal wieder sahen, begann unsere Reise eigentlich noch einmal von vorn. Die Planung lag hinter uns, die Wirklichkeit vor uns. Vier Wochen und 4.116 km später stehen wir am Lake Huron und wissen: Kanada lässt sich nicht einfach abfahren. Es hält einen auf – mit atemberaubenden Küstenstraßen, manchmal braunem Trinkwasser, Pow-Wow-Trommeln und Menschen, die Fremden einen Präsentkorb schenken.

Knapp einen Monat ist es her, dass wir ANDAR im Hafen von Halifax übernommen haben. Seitdem ist so viel passiert, dass es schwerfällt, einen Anfang zu finden. Jeder Tag brachte etwas Neues: die ersten Kilometer im eigenen Zuhause auf Rädern, überraschende Begegnungen, kleine technische Fragen, spontane Stellplätze und immer wieder diese besondere kanadische Offenheit. Also beginnen wir dort, wo sich ein Monat am einfachsten greifen lässt: bei den Zahlen.

4.116 Kilometer – und kaum einmal auf direktem Weg
Bis zum 9. Juli sind wir mit ANDAR 4.116 Kilometer durch Kanada gefahren. Bei einem Durchschnittsverbrauch von 23,7 Litern auf 100 Kilometer haben wir dafür rund 975 Liter Diesel benötigt.

Die Luftlinie zwischen Halifax und dem Inverhuron Provincial Park, wo wir gerade stehen, beträgt nur etwa 1.426 Kilometer. Selbst auf der Straße wären es auf direktem Weg ungefähr 2.000 Kilometer gewesen. Unsere tatsächliche Strecke erzählt deshalb vor allem von Umwegen – von bewusst gewählten Nebenstraßen, kleinen Orten, Küstenabschnitten und Abstechern, für die wir den Highway immer wieder links liegen ließen.

Bislang gab es weder eine Brücke noch einen Tunnel, der für ANDAR zu niedrig oder zu schwach gewesen wäre. Manche Brücke sah allerdings so aus, als würde sie sich über unser Erscheinen nicht unbedingt freuen.

Die zahlreichen Lkw-Verbotsschilder betrachten wir inzwischen mit einer gewissen Gelassenheit: ANDAR ist laut deutscher Zulassung ein Wohnmobil beziehungsweise ein Geländefahrzeug zur Personenbeförderung – kein gewerblich eingesetzter Lastwagen. Ein einziges Verbot war eindeutig: Fahrzeuge über fünf Tonnen waren dort ausgeschlossen. Also drehten wir um.

Auf vielen Hauptstraßen gelten 80 bis 100 km/h, auf den Highways häufig 110 km/h – unabhängig davon, ob Pkw, Wohnmobil oder schwerer Truck. So kann es passieren, dass wir mit entspannten 100 bis 105 km/h unterwegs sind und von einem gewaltigen Zug aus Sattelzugmaschine, Auflieger und zusätzlichem Anhänger überholt werden. Acht, zehn oder zwölf Achsen ziehen dann scheinbar mühelos und noch einmal schneller an uns vorbei.

500 Liter Wasser und eine braune Überraschung
Dreimal haben wir bisher Frischwasser aufgefüllt. 500 Liter können wir aufnehmen. Eigentlich waren es vier Versuche – und einer davon wird uns noch länger in Erinnerung bleiben.

Normalerweise lassen wir beim Befüllen mindestens den Feinfilter unserer Filteranlage mitlaufen. Schließlich bleibt das Wasser bis zu zwei Wochen in unseren Tanks.

 

An einem kleinen Motorsportmuseum schien das ausnahmsweise überflüssig: Der Außen am Haus angebrachte Wasserhahn lieferte klares, wohlschmeckendes Wasser, und auf unsere Frage nach Trinkwasser zum befüllen unserer Tanks bekamen wir ein herzliches „Ja, selbstverständlich“. Also hielten wir den Schlauch direkt in den Tank. Das ging schneller und schonte den Filter. Dachten wir…

Als beide Tanks voll waren und ich den Schlauch vom Hahn löste, kam mir plötzlich eine braune Brühe entgegen. Vermutlich hatten wir den Vorrat nahezu leergepumpt und dabei Sedimente vom Grund mit nach oben befördert. Uns blieb nichts anderes übrig, als die rund 500 Liter wieder abzulassen – selbstverständlich an einer geeigneten Stelle.

Direkt um die Ecke, so erfuhren wir, gebe es einen Wohnwagen- und Wohnmobilbetrieb mit eigener Umkehrosmoseanlage. Dort angekommen, wurde erst einmal ANDAR bestaunt. Es folgte eine spontane Roomtour für gefühlt die halbe Belegschaft. Danach durften wir den Schlauch gründlich spülen und beide Tanks mit garantiert sauberem Wasser füllen. Kostenlos, unkompliziert und mit einer Herzlichkeit, die wir inzwischen fast täglich erleben. Vielen Dank dafür!

Von Nova Scotia bis an den Lake Huron
Unsere bisherige Route führte durch vier kanadische Provinzen: Nova Scotia, New Brunswick, Québec und Ontario.

Cape Breton und der Cabot Trail
Gleich zu Beginn zog es uns nach Cape Breton Island im Norden von Nova Scotia. Der Cabot Trail umrundet einen großen Teil der Insel und gilt zu Recht als eine der schönsten Küstenstraßen Kanadas. Im Frühsommer war er angenehm ruhig. Hinter jeder Kurve öffneten sich neue, spektakuläre Blicke auf Küste, Berge und Wälder. Im Indian Summer muss diese Landschaft noch einmal ganz anders leuchten – doch so lange wollten wir mit unserer Reise nach Westen nicht warten.

Québec City, Wendake und Montréal
Entlang des mächtigen Sankt-Lorenz-Stroms ging es nach Québec City. Wir übernachteten auf einem Weingut und später beim Museum der Huron-Wendat in Wendake – einschließlich ausführlicher Verkostung regionaler Spezialitäten. In Montréal durften wir in der Nähe des eindrucksvollen Saint Joseph’s Oratory of Mount Royal stehen und erkundeten die Stadt mit den Fahrrädern.

Toronto, Niagara und unser nächstes großes Wasser
Toronto selbst ließen wir diesmal weitgehend aus. Stattdessen bekam ANDAR in einem Gewerbegebiet sein Logo. Dort wurden die Aufkleber gestaltet, gedruckt und angebracht. Außerdem ließen wir einen Satz Länderflaggen für unsere Route entlang der Panamericana anfertigen. Für jedes bereiste Land kann künftig eine weitere Flagge auf ANDAR geklebt werden.

Danach warteten die Niagara Falls: Sonnenschein, Feuerwerk, Fußball – England gegen Mexiko – und ein unkomplizierter Stellplatz auf einem großen Parkplatz. Eine Radtour durch die Weinanbaugebiete am Niagara River rundete den Aufenthalt ab.

 

 

Inzwischen stehen wir am Lake Huron und verbringen ein paar ruhige Tage in der Nähe eines Sandstrandes. Gestern konnten wir noch im See baden, heute regnet es. Perfektes Wetter also, um diesen Beitrag zu schreiben.

Der Lake Huron ist mit knapp 60.000 Quadratkilometern ungefähr so groß wie Niedersachsen und Schleswig-Holstein zusammen. An seiner tiefsten Stelle misst er rund 230 Meter. Unter den Seen der Erde ist er flächenmäßig einer der ganz Großen – und vor seinem Ufer fühlt er sich eher wie ein Meer als wie ein See an. Und der Strand….einfach wunderbar.

Ankommen im eigenen Zuhause auf Rädern
Was waren die Höhepunkte dieses ersten Monats? Eine schwierige Frage. Noch ist alles neu, und jeder Tag könnte ein eigenes Kapitel füllen. Oft sind es keine spektakulären Sehenswürdigkeiten, sondern ganz banale Dinge: Wo liegt welches Werkzeug? Was muss vor der Abfahrt gesichert werden? Wie viele Dinge müssen wir erst beiseiteräumen, bevor wir an das herankommen, was wir gerade brauchen?

Zu Hause wirkte ANDAR riesig. Also packten wir alles ein, von dem wir glaubten, es irgendwann einmal gebrauchen zu können – und vorsichtshalber noch etwas mehr. Wegwerfen, um es wenige Wochen später in Kanada neu zu kaufen? Das erschien uns unsinnig. Als jedoch die Koffer, die ersten Einkäufe und die Lebensmittel hinzukamen, wurde klar: Auch in einem großen Expeditionsmobil ist der Platz endlich.

Zum Aussortieren sind wir noch nicht ganz bereit. Aber zumindest die Erkenntnis ist da. Jetzt müssen sich Routinen entwickeln: Dinge sollen dort liegen, wo wir sie intuitiv suchen, und die Vorbereitung zur Abfahrt darf nicht jedes Mal in eine größere Räumaktion ausarten. Entweder finden wir bessere Abläufe – oder wir gewöhnen uns daran. Wahrscheinlich wird es eine Mischung aus beidem. Oder, wir sortieren doch irgendwann man was aus, wer weiß.

ANDAR, Reifendruck und die Suche nach Komfort
ANDAR fährt wunderbar. Selbst über die teilweise holprigen Straßen und Highways läuft er ruhig und sicher (da schimpfe nochmals einer über den Zustand der Straßen und Autobahnen in Deutschland….). Nur die Hinterachse ist wegen unseres vergleichsweise geringen Gewichts doch sehr straff gefedert: Reisefertig, mit uns an Bord, 750 Litern Diesel und rund 500 Litern Wasser wiegt ANDAR knapp unter elf Tonnen. Das Fahrwerk ist jedoch für 18 Tonnen ausgelegt und besitzt robuste Blattfedern statt einer komfortableren Luftfederung.

Deshalb experimentierten wir mit dem Reifendruck. Das Michelin-Datenblatt nennt bis zu 8,5 bar, bezieht sich dabei aber auf einen voll beladenen Truck. Im Handbuch stehen 7,5 bar für den Straßenbetrieb. Gemeinsam mit der Offroad Leichtbau Manufaktur und Ti-Systems hatten wir zunächst sechs bar als Luftdruck für Autobahn und Highway eingestellt.

Uns war das immer noch zu hart, also gingen wir versuchsweise bis auf vier bar herunter. Der Unterschied war deutlich: Harte Stöße wurden spürbar weicher abgefedert, ohne dass sich ANDAR schwammig anfühlte. Allerdings stieg der Verbrauch von zuvor weniger als 22 auf fast 24 Liter pro 100 Kilometer. Gleichzeitig kletterte die Reifentemperatur auf längeren Highway-Etappen bei sommerlicher Hitze auf über 60 Grad Celsius.

Weil uns verlässliche Erfahrungswerte fehlten, wandten wir uns direkt an Michelin – und erhielten innerhalb von 24 Stunden eine qualifizierte Antwort. Vier bar sind für unser tatsächliches Gewicht technisch grundsätzlich ausreichend; kritisch werden die Temperaturen laut Michelin erst deutlich oberhalb unserer Messwerte, ab ca. 80 Grad. Für unseren Straßen- und Highwayeinsatz wurden uns dennoch ca. fünf bar empfohlen. Genau diesen Druck fahren wir jetzt. Der Verbrauch ist wieder gesunken, die Temperaturen bleiben stabil, und der Komfort ist weiterhin gut. Auf späteren Schotterpisten werden wir den Druck bei Bedarf erneut reduzieren.

Wendake: Geschichte, Gegenwart und ein Pow Wow
Wenn wir eine Erfahrung besonders hervorheben müssten, wäre es unsere Begegnung mit den Huron-Wendat First Nation in Wendake. Die Huron-Wendat gehören zur Familie der Irokesen und ließen sich Ende des 17. Jahrhunderts dauerhaft in Lorette nieder, dem heutigen Wendake bei Québec City.

Wendake ist kein historisches Freilichtmuseum, sondern eine heutige First-Nation-Gemeinde mit eigener Verwaltung, kulturellen Einrichtungen, Bildungsangeboten, Museum, Archiv und Tourismus. Besonders spürbar ist dort die kulturelle Kontinuität: Was wurde bewahrt? Was wurde unterbrochen? Und was wird heute bewusst wiederbelebt?

Wir hatten großes Glück. Genau während unseres Aufenthalts fand das Wendake International Pow Wow statt – eine lebendige Zusammenkunft verschiedener indigener Nationen. Im Mittelpunkt stehen Trommeln, Gesang, Tanz, Begegnung und die Regalia: aufwendig gefertigte Kleidungsstücke und Schmuckelemente mit persönlicher, familiärer, kultureller oder spiritueller Bedeutung. Es sind keine Kostüme, und die Veranstaltung ist keine folkloristische Inszenierung. Hier wird Gegenwart gelebt und Kultur weitergegeben. Auf mich wirkt es vielleicht ein wenig wie eine Mischung von Schützenfest (Uniform und Wettbewerb, Kultur) mit Volkstanz (Tanz, Kleidung, Tradition) und Kirchentag (Zusammenkunft, Diskussion). Tatsächlich aber geht es noch viel tiefer: Der ursprüngliche Zweck dieser Veranstaltungen lag in der Stärkung der Gemeinschaft in psychischer und sozialer Hinsicht. Dies geschah durch die Entwicklung einer eigenen Identität der Gesellschaft in allen Bereichen des traditionellen Lebens und dem bewussten Umgang damit. Nach innen entstanden eigene Grundsätze, die bei bestimmten Anlässen in der Öffentlichkeit demonstriert wurden. Deshalb weisen diese Veranstaltungen militärische, religiöse, soziale, wirtschaftliche, rechtliche, unterhaltende und andere traditionelle Aspekte auf, die genau auf die betreffende Gemeinschaft zugeschnitten sind.

Der kreisrunde Tanzplatz ist dabei mehr als eine Bühne. Er ist ein sozialer und symbolischer Raum, in dem Menschen, Generationen und Nationen zusammenkommen. Traditionelle Tänze stehen neben modernen und wettbewerbsorientierten Formen. Kinder, Erwachsene und Senioren treten in unterschiedlichen Kategorien an – manche kaum alt genug, sicher zu laufen, andere na ja, vielleicht so: mit einer Würde und Präsenz, die den ganzen Platz erfüllt 🙂

Besonders tief beeindruckte uns die Trommelmusik. Die große Trommel ist kein Hintergrundklang, sondern der Herzschlag des Geschehens. Ihr tiefer, gleichmäßiger Rhythmus trägt weit über den Tanzkreis, begleitet von den Stimmen der Sänger. Man hört diese Musik nicht nur – man spürt sie im Körper. Sie kann feierlich und verbindend wirken, dann wieder kraftvoll oder kämpferisch. Zwischen den Wettbewerben öffnete sich der Kreis immer wieder für Gemeinschaftstänze, bei denen auch zahlreiche Besucher, meist indigener Herkunft in den Kreis der Tänzer integriert wurden und gemeinsam sangen und tanzten.

Nach den Vorführungen stärkten wir uns mit einer traditionellen Maissuppe mit Fleisch und besuchten anschließend noch das Musée Huron-Wendat. Dort erfuhren wir mehr über die Geschichte und die soziale Ordnung der Nation. Die Huron-Wendat waren traditionell matrilinear organisiert: Abstammung, Clan-Zugehörigkeit und Besitz wurden über die mütterliche Linie weitergegeben, und Frauen hatten erheblichen Einfluss auf politische Entscheidungen, unter anderem auf die Auswahl und Absetzung von Führungspersonen. Koloniale und missionarische Strukturen verdrängten viele dieser Ordnungen später zugunsten europäisch geprägter, männlich dominierter Systeme.

Die Nacht durften wir direkt vor dem Museum verbringen. Den Tag beschlossen wir im Restaurant der Wedake First Nations direkt am Museum. Im La Traite ließen wir den Tag mit einem modernen Fünf-Gänge-Menü, das sich von der traditionellen Küche der First Nations inspirieren lässt ausklingen: Wild, Fisch, Beeren, Wurzeln und Kräuter, begleitet von sorgfältig ausgewählten Weinen. Ein besonderer Abend – und ein ganzer Tag, der uns lange in Erinnerung bleiben wird.

Das eigentliche Highlight: die Menschen
Mit ANDAR fallen wir in Kanada auf wie ein bunter Hund im Schwarz-Weiß-Film. Wie oft wir unsere Geschichte schon erzählen durften, können wir längst nicht mehr zählen. „Amazing“, „incredible“, „awesome“, „gorgeous“, „fantastic“ oder einfach „cool“ – diese Worte hören wir täglich. An Tankstellen, vor Supermärkten, auf Stellplätzen und manchmal sogar mitten auf einer Kreuzung werden Handys gezückt, Daumen aus Autofenstern gestreckt und Fragen gestellt: Was ist das für ein Fahrzeug? Woher kommt ihr? Wie habt ihr es nach Kanada gebracht? Wohin wollt ihr damit? Dann muss sich der Verkehr halt mal einen Moment gedulden. Einige halten ANDAR für ein Militärfahrzeug oder zumindest für ein Gefährt, mit dem man jede Apokalypse überstehen könnte und auf jeden Fall überall hinkommen kann. Vielleicht ist es ganz gut, dass vorne inzwischen gut sichtbar „TOURIST“ steht.

Fast immer fragen die Menschen höflich, ob sie ein Foto machen dürfen. Unser „Natürlich, sehr gern“ öffnet dann die Tür zu einem Gespräch. Diese Aufgeschlossenheit erleben wir überall. Ein „Hi, how are you?“ gehört hier selbst unter völlig Fremden ganz selbstverständlich dazu – ein wenig so, wie man bei uns früher einfach jedem einen guten Tag wünschte.

An den Niagara Falls trafen wir direkt neben uns eine deutsche Familie mit ihrem Camper. Ganz selbstverständlich begrüßten wir sie inzwischen ebenfalls mit einem herzlichen „Hallo, wie geht’s euch? – alles klar?“. Die überraschten und verunsicherten Gesichter erinnerten uns daran, wie schnell wir uns an die kanadische Offenheit gewöhnt haben. Es braucht oft nur ein wenig echtes Interesse, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Das möchten wir von dieser Reise mitnehmen.

Ein Präsentkorb fürs Anhalten
Eine besonders schöne Begegnung hatten wir vor wenigen Tagen. Gegen Mittag suchten wir einen Platz für Kaffee und Rührei mit Speck und Zwiebeln. Links und rechts der Straße fand sich lange nichts Geeignetes, bis wir an einer Kreuzung einen kleinen Blumen- und Gartenmarkt mit größerem Parkplatz entdeckten.
Ich fragte noch eben eine Mitarbeiterin, ob wir dort für eine Stunde zum Mittag stehen dürften. „Na klar – solange ihr die Goldfische im Becken lasst“, lautete die Antwort. Erst als sie wissen wollte, wie groß unser Auto sei, nahm ich sie besser einmal kurz mit vor die Tür. Das übliche Staunen folgte. Wir erklärten unsere Reise, zeigten ANDAR von innen und durften uns anschließend hinstellen, wohin wir wollten.

Gerade als wir zu essen begannen, klopfte es leise an der Tür. Draußen standen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen mit der Eigentümerin im Halbkreis. Sie überreichten uns einen Präsentkorb und eine Karte, auf der alle unterschrieben hatten. Im Präsentkorb waren Süßigkeiten, kleine Leckereien, Dekoration, ein Satz Geschirrtücher und sogar ein Puzzle für lange Winternächte.

Sie bedankten sich damit dafür, dass wir auf unserer Reise ausgerechnet bei ihnen angehalten hatten. Dabei waren doch wir dankbar, dort stehen zu dürfen.

Diese Geste war so unerwartet wie berührend – und vielleicht erzählt sie mehr über unseren ersten Monat in Kanada als jede Statistik. Mittlerweile Wissen wir, dass der Besuch auch auf Facebook geposted wurde. Schon drei Mal wurden wir nämlich darauf angesprochen. Jetzt werden wir doch noch berühmt…

Stellplätze zwischen Kanada-Traum und Campingboom
Wer an Kanada denkt, sieht Weite, Wildnis, Berge, Seen, Gletscher und Flüsse. Im Osten des Landes ist die Wirklichkeit jedoch vielerorts deutlich dichter besiedelt. Städte, Highways, Landstraßen und landwirtschaftliche Flächen prägen große Teile der Strecke. Die Grundstücke sind meist größer als in Mitteleuropa, und fast jeder Ort besitzt mehrere Parks und Naherholungsgebiete. Doch frei zugängliche Plätze, an denen ein Fahrzeug wie ANDAR legal über Nacht stehen darf, sind überraschend selten.

In touristischen Regionen erinnern manche Orte eher an Grömitz oder Timmendorfer Strand als an einsame Wildnis. Übernachten ist dort häufig nur auf ausgewiesenen Campingplätzen erlaubt; freies Stehen wird mitunter ausdrücklich untersagt. Vermutlich ist das eine Folge des Campingbooms, der auch Kanada spätestens seit der Corona Pandemie erfasst hat. Vor sehr vielen Häusern steht ein großer Wohnwagen oder ein RV. Dass Gemeinden Regeln schaffen, ist nachvollziehbar – schade ist es irgendwie trotzdem.

Eine gute Alternative bietet Harvest Hosts. Bauernhöfe, kleine Betriebe, Museen und Weingüter stellen dort Übernachtungsplätze zur Verfügung. Eine Stellplatzgebühr fällt in der Regel nicht an; im Gegenzug wird erwartet, vor Ort etwas zu kaufen oder ein Angebot zu nutzen. Eine Weinprobe auf dem Weingut oder ein Einkauf im Hofladen fühlt sich ohnehin besser an als der nächste anonyme Supermarkt – und häufig entstehen dabei die schönsten Gespräche.

Manchmal finden wir auch einen Parkplatz an einem Wanderweg, auf dem das Übernachten zumindest geduldet wird. Wann immer möglich, fragen wir nach. Bisher lautete die Antwort stets sinngemäß: „Klar, das interessiert hier niemanden.“ Trotzdem hoffen wir, dass das wildromantische Kanada, das wir im Kopf hatten, im weiteren Verlauf häufiger auftaucht. Spätestens in den Great Plains dürfte es weiter und dünner besiedelt werden. Und dann kommen ja noch die Rockies…

Was uns sonst auffällt
Die Landschaften waren bisher schön, teilweise sehr schön – aber nur selten völlig fremd oder spektakulär. Vieles erinnert an Regionen, die wir aus Europa kennen. Unübersehbar sind dagegen die riesigen und meist tadellos gepflegten Rasenflächen rund um die Häuser.

Und jeder, wirklich jeder, scheint einen Aufsitzrasenmäher zu besitzen. Flächen, für die man bei uns vermutlich einen (oder gleich mehrere) Traktor(en) einsetzen würde, werden hier geduldig Runde für Runde gemäht. Die durchschnittliche und immer akkurat gestutzte Rasenfläche dürfte nicht selten 2.000 bis 3.000 Quadratmeter groß sein – oft sogar deutlich mehr.

Was bisher kaputtging
Die Liste ist erfreulich kurz: Eine der beiden Platten unseres Induktionskochfeldes hat den Dienst quittiert. Ansonsten funktioniert bisher alles – am Lkw, an der Kabine und auch an den Fahrrädern. Schnell auf Holz klopfen.

Wie es weitergeht
Nach zwei Nächten am Lake Huron wollen wir in den kommenden Tagen die Bruce Peninsula erkunden. Anschließend setzen wir mit der Fähre nach Manitoulin Island über. Von dort führt unsere Route weiter in Richtung Sault Ste. Marie und rund um den Lake Superior. Winnipeg ist das nächste größere Etappenziel – auf direktem Weg noch mindestens 2.000 Kilometer entfernt. Nach den Erfahrungen des ersten Monats werden wir daraus vermutlich wieder deutlich mehr machen.

In Sault Ste. Marie sollen uns neue Induktionsplatten erreichen, die Linda von der Offroad Leichtbau Manufaktur in Berlin für uns verschickt. Auch der inzwischen bei Dunni und Claas eingetroffene Gasadapter kommt mit auf die Reise. Vielen Dank euch allen für die Unterstützung!

Danach wollen wir Highways und Hauptstraßen möglichst oft meiden und uns abschnittsweise am Trans Canada Adventure Trail, kurz TCAT, orientieren. Die rund 15.000 Kilometer lange GPS-Route durchquert Kanada auf Nebenstraßen, Schotterpisten, Forstwegen und einzelnen anspruchsvolleren Offroad-Passagen. Viele Abschnitte werden für ANDAR zu eng oder zu schwierig sein. Aber wir wollen ausprobieren, wie viel davon zu uns und unserem Fahrzeug passt.

Der erste Monat hat uns bereits gezeigt: Der direkte Weg ist selten der spannendste. Mal sehen, welche Umwege und Begegnungen als Nächstes auf uns warten.

Stay tuned.

Übrigens, in der Galerie unter der Rubrik Kanada findet ihr eine weitere Auswahl an Fotos aus dem ersten Monat..

10 Kommentare

    1. I met you not far from the Soo at the rest stop with the little water falls. I hope you were able to get the parts for Andar and get back on your way. What an incredible adventure. I hope you love Canada as much as we do. Safe travels!

    1. This is so cool! I ran into you near Marathon, Ontario. I was saying to my wife I had only ever seen a vehicle like this in the EU. Then I saw the web link and knew I was right and had to find out more. Great to see you are enjoying traveling around the world. It is absolutely a dream of mine. By the way if you remember some weird guy waving at you on the road with an excited look it wasn’t an emergency just happy to see you. 😀

  1. Hey Manfred! We just saw right before crossing into America in Ontario at Niagara Falls! Safe and fun travels from your friends in 124…

    The Pimentels

  2. Welcome to Canada. My wife and I were behind you on Hwy 20 West of Fonthill. You were lucky to avoid that Semi truck that turned in front of you. Your vehicle is super awesome and we hope you have a wonderful journey through Canada. Enjoy!!

  3. Goodmorning, we’ve seen you in elmira ON yesterday night and we wish you a safe trip! We looked you up after we left and we wish we could stop and talk to you! Amazing work you have done!

    1. What a pleasure to meet the two of you. I hope your trip is everything you hope it will be and so glad you chose Canada. I am home from Sauble now so will be able to follow your journey. Hugs to you both.

  4. Euer Gefährt war auf dem Parkplatz vom Peyto Lake das Foto-Motiv Nummer 1 von vielen Männern 😀
    „Stell dich mal daneben zum Größenvergleich“ war ein beliebter Satz 🙂

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